Im Aquarium

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Montag, 8. Januar 2018

Der blinde Fleck der Medienkritik

In den letzten Jahren habe ich zahlreiche Bücher mit Medienkritik von Insidern gelesen, also von Menschen, die selbst journalistisch gearbeitet oder Untersuchungen über den Journalismus angestellt haben und darum wissen, wovon sie reden. Aufgrund der Vielzahl der Autoren, die eine große Bandbreite an Aspekten abdecken, und der damit verbundenen Meinungspluralität halte ich Jens Wernickes „Lügen die Medien?“* für das Beste, was ich bisher zum Thema gelesen habe, ein exzellentes Buch, das ich nur jedem empfehlen kann, der sich mit diesem Problem beschäftigen möchte. Dennoch offenbart das Buch zugleich, weshalb die professionelle Medienkritik ein Teil des Problems ist.


Zunächst zum Erfreulichen.

Walter van Rossum beschreibt eindringlich den Konformismus der Journalisten, ebenso aber, dass sich ein großer Teil der Gesellschaft mittlerweile mit der eigenen Unterdrückung identifiziert und dass der journalistische Pluralismus, den es vor einigen Jahrzehnten noch gegeben hat, mit dem Pluralismus in der Politik verschwunden ist (25-26). Er hält die Rehabilitation des Systems der alten Öffentlichkeit weder für realisierbar noch für wünschenswert und sieht eine Chance gerade darin, dass viele Menschen derzeit lernen, sich ihre Informationen aus den unterschiedlichsten Quellen selbst zusammenzusuchen (28).

Noam Chomsky zu lesen, der eine grundsätzliche Medienanalyse vornimmt, ist immer ein Gewinn. Auch wenn der hier abgedruckte Text bereits von 1997 stammt und sich auf die USA bezieht, hat er nichts von seiner Aktualität verloren. Besonders der Abschnitt über Universitäten, die eben keine unabhängigen Institutionen sind, sondern im Gegenteil darauf ausgerichtet, ihre Studenten auf erwünschte Weise zu sozialisieren (110-111), ist erhellend. Ebenso Chomskys Erklärung, warum es bestimmten Leuten so leicht fällt, „von einem enthusiastischen Stalinisten zum leidenschaftlichen Anhänger des Machtanspruchs der USA zu werden“ (114), ein Verhalten, dass man auch hierzulande von etlichen angeblich Linken beobachten kann.

Uwe Krüger untersucht die Einbindung tonangebender Journalisten in transatlantische Netzwerke (131).

Rainer Mausfeld beschreibt die Zerstörung des Sozialstaats, die gewollte soziale Atomisierung der Gesellschaft und die Entwurzelung der Menschen zum Nutzen der Elite (ab 142) und warum gerade linke Gruppierungen zur Stabilisierung einer neoliberalen Gesellschaft beitragen: „Das ehemals linke und sich heute zumindest noch progressiv fühlende Milieu kämpft nicht mehr gegen Ungleichheit, sondern gegen eine Diskriminierung seiner eigenen Partikulargruppen und hat sich ansonsten recht behaglich im Status Quo eingerichtet.“ (149)

Die Forschungsgruppe zu Propaganda in Schweizer Medien beschreibt, wie abhängig selbst Auslandskorrespondenten von den drei großen Nachrichtenagenturen sind (160) und wie leicht PR über diese Agenturen in die Nachrichten gelangt (163).

Den größten Erkenntnisgewinn habe ich aus dem Beitrag von Jörg Becker über die PR-Industrie gezogen. Zwar wusste ich natürlich, dass bestimmte politische Lügen durch Werbefirmen lanciert wurden, etwa die Brutkastenlüge im Vorfeld des Irakkrieges, aber dass dies tatsächlich systematisch geschieht, dass Politiker, Organisationen und Regierungen regelmäßig mit PR-Firmen zusammenarbeiten (178-195), war mir in diesem Ausmaß nicht klar.

Michael Walter schlägt in dieselbe Kerbe, wenn er beschreibt, wie diese PR-Maßnahmen funktionieren, indem etwa vorgebliche Reformbewegungen von unten in Wahrheit von interessierter Seite finanziert und betrieben werden (196 ff).

Die Auflistung von Propagandamethoden (120) und Techniken der verdeckten Argumentation (269), Erich Schmidt-Eenbooms Beitrag über Manipulationen des BND, Daniele Gansers Ausführungen über die Diffamierung von Kritikern als „Verschwörungstheoretiker“ und Markus Fiedlers Artikel über Manipulationen in der Wikipedia runden das Buch ab.


Lügenpresse?

Zwei Kritikpunkte möchte ich bei allem Respekt für diese geballte Kompetenz äußern. Zum einen zeigt sich auch hier die Furcht so mancher Kritiker, Tacheles zu reden. Die Taktik des etablierten Medienbetriebs, jeden, der sie einer Lüge zeiht, als rechts zu verunglimpfen, geht auf, wenn, wie so häufig, bei der Frage herumgeeiert wird, ob man den Begriff „Lügenpresse“ verwenden darf / kann / sollte. Ja, Pauschalisierungen sind immer problematisch, außerdem ist es wirksamer, Ross und Reiter zu nennen, statt allgemeine Beschimpfungen von sich zu geben. Und ja, Journalisten werden nicht von einem geheimen Strippenzieher gegängelt. Und drittens, ja, zweifellos gibt es gute und integre Journalisten, auch im Mainstream, die allerdings nicht den Tenor der Medien bestimmen. All das wird im Buch zu Recht deutlich gemacht, und der Wunsch von Stephan Hebel, dass all jene Journalisten aus etablierten und alternativen Medien, die etwas ändern wollen, doch kooperieren sollten (84), ist ein sympathischer Gedanke.

Allerdings versuchen allzu viele der versammelten Autoren mit rhetorischem Aufwand den Eindruck zu erwecken, dass die Mehrheit der Journalisten in diesem Land zwar vielleicht bequem und schlampig, aber grundsätzlich guten Willens und letztlich Opfer des Systems seien.

Ulrich Teusch hält den Begriff „Lügenpresse“ für diffamierend und ehrenrührig (46), dabei gibt er selbst zu, dass Nachrichten gezielt unterdrückt werden (47). Der eigentliche Grund für den Zustand der Medien seien nicht die Journalisten, sondern „ein Mediensystem, das es dem einzelnen Journalisten immer schwerer macht, wahrhaftig und nach bestem Wissen und Gewissen zu berichten.“ (49)

Ulrich Tilgner reagiert auf das Wort Lügenpresse „allergisch. Denn es unterstellt einen bewussten Akt. Genau diesen gibt es in den Medien aber ausgesprochen selten.“ (70)

Erich Schmidt-Eenboom sieht hinter den Lügen von Journalisten nur die lautersten Motive, wenn er am Beispiel der Berichterstattung über Syrienflüchtlinge ihre „humanitäre Sorge“ hervorhebt, „dass die Gesamtheit der Syrienflüchtlinge in ein schiefes Licht geraten könne (...). Auch so kann man Rechtspopulisten in die Hände spielen.“ (227)

Der ärgerlichste Beitrag stammt von Hektor Haarkötter, der der Bundesrepublik bescheinigt, „bei allen Unkenrufen (...) eines der differenziertesten und auch am differenziertesten berichtenden Mediensysteme der Welt“ zu haben. Denen, die „Lügenpresse“ rufen, empfiehlt er allen Ernstes einen Blick in eines der „‚Quality Papers’ der deutschen Presse“ oder in „die Politmagazine der öffentlich-rechtlichen Sender oder Spiegel-TV“ (276-277). Und explizite Lügen könne es nicht geben, da seien „bei einem so ausdifferenzierten Mediensystem wie dem deutschen doch wohl schon die Marktgesetze vor: Würde ein Medium absichtsvoll die Unwahrheit behaupten, würden sich doch die anderen Medienhäuser oder Sender mit Wonne darauf stürzen.“ (277) Heilige Einfalt!, ist man da versucht auszurufen.


  • wenn man jemanden mit Unterstellungen, Psychologisierungen, Unterschlagung wesentlicher Aussagen und aus dem Zusammenhang gerissenen Satzfetzen persönlich diffamiert, um mit ihm stellvertretend die Männerbewegung in Deutschland in Misskredit zu bringen,

  • wenn Ereignisse von Journalisten inszeniert werden wie etwa die helfenden Flüchtlinge beim Hochwasser in Schwäbisch-Gmünd,

  • wenn Bilder willkürlich interpretiert oder zusammenmontiert werden wie beim „Bild des ostukrainischen Kämpfers an der Absturzstelle der MH17, der vermeintlich triumphierend einen Plüschteddy in die Luft streckt“ (262) oder beim Bericht über den Trauermarsch nach den Pariser Anschlägen, der angeblich von Staatschefs vieler Länder angeführt wurde (263),

  • wenn Nachrichten mit Bildern aus anderen Zusammenhängen unterlegt werden wie etwa 2014 Berichte über angebliche russische Kampfpanzer in der Ukraine mit Aufnahmen von 2008,

  • wenn ein Junge einen historischen Zahn findet und stattdessen behauptet wird, es sei ein Mädchen gewesen, das während des Fundes nicht mal vor Ort war,

dann ist das nicht schlampig oder ein Versehen, sondern eine Lüge. Und wer anders soll dafür verantwortlich sein, als der Journalist, der diese Manipulationen vorgenommen hat? Der „Markt“? Das „System“? Der Pollenflug?

Ja, Journalisten sind in Strukturen eingebettet, die sie im Laufe ihrer Ausbildung dazu erziehen, „richtig zu denken“ (Rainer Mausfeld, 139). Und ja, der Kampf gegen solche Strukturen, die einen gründlichen und ehrlichen Journalismus erschweren, ist wichtig. Und drittens, ja, es ist auch richtig, dass in den letzten Jahrzehnten mit dem Verweis auf „Eigenverantwortung“ der Sozialabbau gerechtfertigt wird (81, 193) und deshalb eine gewisse Vorsicht gegenüber diesem Begriff angebracht ist.

Der berechtigte Kampf gegen gesellschaftliche Missstände entlässt den einzelnen Journalisten aber nicht aus seiner Verantwortung für die eigenen Taten. Wer Sachverhalte in ihr Gegenteil verkehrt, lügt. Und zwar bewusst. Insofern hat die Medienkritik von innen mit dem permanenten Verweis auf die Rahmenbedingungen, in denen Journalismus heutzutage stattfindet, oftmals Ventilfunktion: Der berechtigte Zorn derer, die hierzulande verarscht werden, wird kanalisiert und auf ein ominöses „System“ gelenkt.

Glücklicherweise, und daran zeigt sich eben wieder die Qualität und der Pluralismus des Buches, gibt es auch Autoren, die sich nicht vor deutlichen Worten scheuen.

Zum Beispiel Volker Bräutigam, der klipp und klar sagt, bestimmte Worte zum Tabu zu erklären, sei auch nur eine Form, Herrschaft auszuüben. „Wenn eine Gruppe von Medien wider besseres Wissen häufig unwahre Darstellungen veröffentlicht, wenn Texte auf Deutsch gesagt Lügen sind, dann ist der Begriff Lügenpresse auch angemessen.“ (61)

Und Werner Rügemer, der in einem informativen Artikel den Werdegang der Nazipresse bzw. einiger Nazijournalisten nach 1945 nachzeichnet, stellt klar, dass das Wort Lügenpresse „ein eingeführter demokratischer Kampfbegriff ist, der ebenso eine linke Tradition hat, an die sich heute, wo die ‚Enteignet Springer!’-Rufe verdrängt sind, offenbar nur niemand mehr zu erinnern wagt.“ (86)

„Es kommt immer darauf an, wer welches Wort verwendet und wofür und an wen man es richtet“, sagt Eckart Spoo (von dem es zudem einen schönen Abschnitt zum Thema Sprachregelung gibt (72-74)) und verweist darauf, dass immer Interessen beteiligt sind. Das hält ihn aber nicht davon ab, unmissverständlich zu erklären: „Dass es hierzulande eine Lügenpresse gibt, sollte spätestens nach Günter Wallraffs Recherchen bei der Bild-Zeitung allgemein bekannt sein.“ (100-101)


Geschlechterdiskussion

Mein zweiter Kritikpunkt ist inhaltlicher Art: Ich finde es bezeichnend, dass in der Medienkritik von Insidern grundsätzlich die Geschlechterproblematik ausgeblendet und kein Wort über die tendenziöse Darstellung von Mann und Frau verloren wird, abgesehen von einer Handvoll Sätze über die Instrumentalisierung von „Frauenfragen“ zur Kriegstreiberei (189, 219, 222). Gerade an dieser Stelle hätte man einhaken können. Warum fehlt beispielsweise die naheliegende Schlussfolgerung, dass es offenbar niemanden interessiert, wenn nur Männer krepieren?

Der Geschlechteraspekt hätte auch gut zum Artikel über Manipulationen in der Wikipedia gepasst, wo Menschen, die sich für Menschenrechte auch für Männer engagieren, systematisch verleumdet werden. Oder zu  Rainer Mausfelds Analyse der Zerstörung des Sozialstaats und der Ablenkungsmethoden der Elite. Denn die uralte und immer wieder funktionierende Strategie des Teile-und-herrsche ist ja nirgends so evident wie in der erfolgreichen Taktik, Frauen gegen „die Männer“ aufzuhetzen, die angeblich für alles Unglück der Welt verantwortlich sind, und damit von der Politik der Bundesregierung, George Soros’ Destabilisierung ganzer Nationen und dem Think Tank von Bertelsfrau abzulenken. Und dass der von Soros und Konsorten finanzierte Feminismus mit seiner politisch gewollten Zerstörung der Familien zu jener Entwurzelung beiträgt, die den neoliberalen Kräften in die Hände spielt, ist für jeden, der nicht mit Scheuklappen herumläuft, ebenso unübersehbar.

Es erfordert durchaus Mut, die heuchlerische Berichterstattung über die Ukraine, über Syrien, über die Zerstörung des Sozialstaats anzuprangern, doch dabei kann man sich immerhin auf eine lange Tradition des Kampfes für Frieden und soziale Gerechtigkeit berufen und sich der Zustimmung jener Menschen sicher sein, die ihre Ideale nicht für einen Knochen vom Tisch der Mächtigen verkauft haben.

Gegen den herrschenden Geschlechterdiskurs anzuschreiben, der sich auf eine zweihundertjährige Männerverachtung stützt**, erfordert ein ungleich stärkeres Rückgrat. Und wenn die Tatsache, dass Mann und Frau in den Medien grundsätzlich mit zweierlei Maß gemessen werden, in keinem einzigen Beitrag des Buches, ja, soweit ich weiß in keinem einzigen medienkritischen Buch von Insidern auch nur am Rande erwähnt wird, obwohl die einseitige Berichterstattung in diesem Bereich mindestens so auffällig ist wie in kriegshetzerischen Beiträgen, dann muss man wohl konstatieren, dass auch die professionelle Medienkritik nicht den Mut hat, dieses heiße Eisen anzupacken.



* Jens Wernicke: Lügen die Medien? Propaganda, Rudeljournalismus und der Kampf um die Öffentliche Meinung (Westend Verlag, Frankfurt am Main 2017)
** Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der Negativen Andrologie (Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008)

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Gunnar