Im Aquarium

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Dienstag, 28. November 2017

Der Siegeszug der Männerverachtung

Christoph Kucklick hat in Das unmoralische Geschlecht* nachgewiesen und anhand zahlreicher Beispiele belegt, dass wir seit Ende des 18. Jahrhunderts Männer negativ, nämlich als zerstörerisch, selbstsüchtig und amoralisch bewerten, während Frauen als selbstlos, friedlich und empfindsam, kurz: als bessere Wesen gelten (Seite 89). Damals erfolgte eine Neudeutung der menschlichen Natur, in der das Geschlecht eine bedeutende Rolle zugeschrieben bekam, die es vorher nicht besaß. Was die Ursachen für diese Entwicklung angeht, fehlt mir bei Kucklicks Erklärungsansatz allerdings ein wesentlicher Punkt.


Der Kern seiner Argumentation lautet: Die negative Andrologie „hat sich entwickelt als Versuch, fundamentale Umbrüche der Gesellschaft auf dem Schema von Männlichkeit / Weiblichkeit abzubilden. (...) Daraus resultierte die symbolische Identifizierung von Männlichkeit mit jenen Aspekten der Moderne, die als bedrohlich, ‚unmenschlich’, triebhaft (maßlos) und gewalttätig erachtet wurden (und werden)“ (Seite 333). Die Umbrüche, von denen Kucklick spricht, hatten jedoch noch andere Auswirkungen.

Früher teilten Männer und Frauen ihren Alltag miteinander. Die Menschen auf dem Lande lebten häufig in Großfamilien zusammen, der Laden des typischen Handwerkers in der Stadt befand sich im gleichen Haus wie seine Wohnung oder wenige Straßen entfernt, was nicht nur bedeutete, dass er an der Erziehung seiner Kinder Anteil nehmen konnte, sondern, wichtiger, dass die Kinder täglich erlebten, was der Vater zum Familienleben beitrug.

Das änderte sich radikal mit Einsetzen der Industriellen Revolution. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts sorgten Dampfmaschine und mechanischer Webstuhl dafür, dass sich die Lebenswirklichkeit der Männer deutlich von ihrem bisherigen Alltag unterschied. Plötzlich waren viele Väter gezwungen, in weit entfernten Fabriken zur Arbeit zu gehen, und kamen erst spät abends nach Hause, körperlich erschöpft. Den Frauen oblag es, die Kinder zu erziehen, mit weitreichenden Konsequenzen.

Erst in der Industriellen Revolution mit überwiegender Abwesenheit der Väter von Zuhause hatten Frauen die Macht, ihre Kinder in ihrem Sinne zu beeinflussen, eine Macht, die Männern versagt blieb. Kinder wiederum erlebten einen abwesenden Vater, dessen Beitrag zur Familie nicht mehr unmittelbar ersichtlich war. Umso natürlicher war es für sie, diesen Vater nur noch durch die Augen der Mutter wahrzunehmen. Deshalb ist es für mich kein Zufall, dass die Dämonisierung des Männlichen ungefähr zu dieser Zeit einsetzte.

Kucklick deutet den Zusammenhang zwischen Industrieller Revolution und Deutungshoheit der Mütter lediglich an, wenn er vom Ausschluss der Männer aus ihren Familien spricht (Seite 228), für mich ist dieser Punkt von zentraler Bedeutung. Mir fehlt auch eine eindeutige Formulierung, dass die männliche Daseinsberechtigung in den Augen der Gesellschaft immer, selbst in ihrer früheren positiven Konnotation, daran geknüpft ist, dass Männer buchstäblich ihr Leben für Frau und Kinder geben, ob im Krieg oder im Bergwerk. Oder, um es in den Worten von Oliver Wendell Holmes zu sagen: „Jede Gesellschaft gründet sich auf den Tod von Männern.“** Und dass von daher eine Umbewertung der öffentlichen Sichtweise auf Männer – vom Helden zum Versager – eben auch eine Kontinuität darstellt: Es ist die bruchlose Fortsetzung einer Einstellung, die männliches Leben für verzichtbar hält.

Die zunehmende Väterausgrenzung im Laufe der letzten zweihundert Jahre hat fatale Folgen, für den Einzelnen ebenso wie für die Gesellschaft. Wenn Kinder ihren Vätern entfremdet werden, wenn sie sich nicht einmal mehr ihre Sehnsucht nach dem abwesenden Vater eingestehen dürfen, beispielsweise weil ihre Mutter ihn verteufelt, kommen am Ende zwangsläufig Frauen wie Anita Heiliger („Väter wollen herrschen, und Mütter wollen immer nur das Beste“) und Männer wie Sigmar Gabriel oder Barack Obama dabei heraus.

Irgendwo (leider weiß ich nicht mehr, wo) habe ich mal sinngemäß den Satz gelesen: Muttersöhne zerstören, Vatersöhne bauen auf. Auch wenn es sich dabei um ein pointierte Formulierung handelt, dürfte doch jedem, der nicht ideologisch verblendet ist, klar sein, dass Väter für den Ablösungsprozess von der Mutter und damit für das Selbstwertgefühl des Kindes von entscheidender Bedeutung sind. Mangelndes Selbstwertgefühl aber ist ein wesentlicher Faktor bei destruktiven Verhaltensweisen. Der Zusammenhang zwischen Väterentbehrung und (selbst-)zerstörerischem Verhalten ist mittlerweile gut belegt.

Gunnar Hinck hat in seinem Buch über die westdeutsche Linke der 1970er Jahre*** dargelegt, wie sehr das Muster des Muttersöhnchens bei Linksextremisten dominierte: „Aus innerfamiliären Dreiecksbeziehungen nach dem Typus Mutter – Vater – Kind wurden millionenfach enge, schicksalhafte Zweierbeziehungen zwischen Mutter und Kind mit der Neigung zu neurotischen Übersteigerungen.“ (S. 98) Die Mütter dieser Kinder waren nach Hinck auf der einen Seite bedingungslos tolerant und fanden alles gut, was der Sohn tat, hatten jedoch zugleich unerfüllbare Erwartungen und einen starken Leistungsanspruch an den Ersatzernährer: Ihr Sohn sollte immer und überall der Beste sein (S. 102). Die Jungen wiederum empfanden den abwesenden Elternteil als narzisstische Kränkung und waren voller Wut, weil sie sich von ihm im Stich gelassen fühlten. Diese Wut wurde später auf Ersatz-Autoritäten gerichtet, mit denen symbolisch der Vater vernichtet werden konnte (S. 135-136).

Es wäre eine eigene Untersuchung wert herauszufinden, inwieweit die Männerverachtung im 19. Jahrhundert zusammen mit der berufsbedingten Abwesenheit der Väter eine Spirale in Gang gesetzt und zur Folge hatte, dass der in den Weltkriegen gefallenen Väter nicht mehr mit derselben liebevollen Achtung gedacht wurde wie nach früheren Kriegen, wodurch noch mehr Kinder ohne Vater aufwuchsen, die Männern feindselig gegenüberstanden und deshalb nach 1945 dazu beitrugen, dass Scheidungsväter von ihren Kindern ferngehalten wurden und der Kult um die alleinerziehende Mutter begann, wodurch noch mehr Kinder ohne männliches Vorbild in einem Klima der Männerdämonisierung aufwuchsen …

Zusammen mit dem modernen Wohlfahrtsstaat, der sich nach Kucklick parallel zum Feminismus formiert hat und angesichts der angeblichen Minderwertigkeit der Männer zum Ersatzvater / Ersatzehemann mutierte (Seite 329-330), ist dies eine Entwicklung, die die Grundlage unseres Zusammenlebens zerstört und in großem Stil unglückliche Menschen produziert.




* Das unmoralische Geschlecht. Zur Geburt der Negativen Andrologie (Suhrkamp, Frankfurt am Main 2008)
** zitiert nach: Warren Farrell: Mythos Männermacht (Zweitausendeins, Frankfurt am Main 1995, Seite 150)
*** Gunnar Hinck: Wir waren wie Maschinen (Rotbuch Verlag, Berlin 2012)

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