Im Aquarium

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Montag, 29. Mai 2017

Was George Orwell uns heute noch zu sagen hat

Hin und wieder wird in Artikeln darauf verwiesen, dass die Methoden der feministischen Ideologie eine fatale Nähe zum Geschehen in George Orwells „1984“* aufweisen. Auch ich habe hin und wieder eine diesbezügliche Bemerkung gemacht. Damit jedoch eine solche Behauptung nicht bloß Schlagwort bleibt, habe ich mir das Buch noch einmal vorgenommen und konkret auf Gemeinsamkeiten zwischen der von Orwell beschriebenen Diktatur und dem, was wir hier und heute erleben, abgeklopft.


Ins Auge fällt sogleich die Anti-Sex-Liga und deren Versuche, die Macht der Sexualität dadurch zu brechen, dass man sie mit negativen Assoziationen auflädt: Der Geschlechtsverkehr sollte als kleiner, etwas ekliger Eingriff betrachtet werden, einem Klistier vergleichbar. (...) Die Partei versuchte, den Geschlechtstrieb abzutöten oder, wenn er sich nicht abtöten ließ, ihn doch wenigstens zu verformen und in den Schmutz zu ziehen. (...) Und was die Frauen anging, da fruchteten die Bemühungen der Partei weitgehend. (Seite 93) Nahtlos könnte man an dieser Stelle Aussagen etlicher Feministinnen einfügen, wie zum Beispiel die von Marilyn French: „Alle Männer sind Vergewaltiger, und das ist alles, was sie sind.“ Oder von Andrea Dworkin: „In der Praxis ist Ficken ein Akt der Besitznahme – gleichzeitig ein Akt des Besitzens, Nehmens, Gewaltantuns. Es ist Eroberung.“ Oder von Catharine MacKinnon: „Jeder Sex (...) ist ein Akt der Gewalt, verübt gegen eine Frau.“ Wobei die englischsprachige Wikipedia darauf besteht, dass letzteres Zitat falsch sei, MacKinnon habe lediglich gesagt, dass Beischlaf und Vergewaltigung schwer voneinander zu unterscheiden seien und der wesentliche Unterschied darin bestehe, dass Beischlaf so oft vorkomme, dass niemand mehr etwas Schlimmes darin sähe.


Hass und Kriegspropaganda

Wenn in „1984“ von einem Untergrund-Verschwörernetz die Rede ist, das die Regierung zu sabotieren versucht, von einem konterrevolutionären Volksfeind, dessen Thesen lächerlich gemacht und als Schwachsinn hingestellt werden und der doch zugleich als ultimative Gefahr beschworen wird – erinnert einen das nicht unwillkürlich an die feministische Verschwörungstheorie, nach der eine rückwärtsgewandte Männerbewegung den Backlash versucht?

Schön auch die Beschreibung des staatlich verordneten Zwei-Minuten-Hasses gegen diesen Feind: In der zweiten Minute steigerte sich der Hass zur Raserei. Die Leute sprangen von ihren Plätzen auf und brüllten mit überkippenden Stimmen, um das wahnsinnig machende Geblöke, das vom Schirm kam, zu übertönen. Die kleine rotblonde Frau war knallrot angelaufen und schnappte mit dem Mund wie ein Fisch auf dem Trockenen. (Seite 28-33) Erinnert diese Passage nicht an die Empörungsstürme gegen Männerrechtler? Wer schon mal Videos gesehen hat von hysterischen Social Justice Warriors, die unliebsame Veranstaltungen sprengen, wird Orwells Beschreibung wiedererkennen.

Der augenblickliche Feind repräsentierte stets die Inkarnation des Bösen, und daraus folgte, dass jede Übereinkunft mit ihm, ob in der Vergangenheit oder in der Zukunft, ausgeschlossen war. (Seite 55) Deswegen stellt die SPD klar, dass die Männerbewegung nicht gehört werden wird, solange Sozialdemokraten an der Macht sind, und Thomas Gesterkamp fordert, auf keinen Fall mit der Männerbewegung zu reden.

Mit der Partei des Großen Bruders beschreibt Orwell eine Bewegung, die eine Welt anstrebt, die auf Hass und Angst gegründet ist: Sehen Sie jetzt allmählich, was für eine Art Welt wir erschaffen? (...) Eine Welt der Furcht, des Verrats. (...) Die alten Zivilisationen behaupteten, auf Liebe und Gerechtigkeit gegründet zu sein. Unsere ist auf Hass gegründet. In unserer Welt wird es keine Gefühle geben außer Angst, Wut, Triumph und Selbsterniedrigung. Alles andere werden wir zerstören – alles. (Seite 330) Nichts anderes ist Manuela Schwesigs Hasskampagne #schweigenbrechen, mit der sie die männliche Hälfte der Bevölkerung pauschal zu Gewalttätern erklärt. Nichts anderes ist der Versuch, den Menschen einzureden, wir würden in einer Vergewaltigungskultur leben, eine These, die Frauen Angst vor Männern machen soll. Ist es da ein Wunder, dass eine übergeschnappte Anne Wizorek davon spricht (bei Minute 40:00), für viele Frauen sei es „extrem schlimm, einfach schon auf die Straße zu gehen“?

Die Folge einer solchen Politik muss zwangsläufig Misstrauen sein, und dieses Misstrauen ist kein bedauerlicher Nebeneffekt, sondern Teil der Strategie des Teile-und-herrsche: Wir haben die Bande zwischen Kind und Eltern, zwischen Mensch und Mensch, zwischen Mann und Frau durchtrennt. Keiner traut mehr einer Ehefrau, einem Kind oder einem Freund. Doch in Zukunft wird es keine Ehefrauen und Freunde mehr geben. Die Kinder werden ihren Müttern gleich bei der Geburt weggenommen werden. (...) Es wird nur noch die Loyalität gegenüber der Partei geben und sonst keine. (Seite 330) So will es die ständige Väterdämonisierung, so will es Anita Heiliger mit ihrer Dissertation „Väter wollen herrschen, und Mütter wollen immer nur das Beste. Alleinerziehen als Befreiung“, so will es die Herabwürdigung von Müttern, die zu Hause bei ihren Kindern bleiben, wenn etwa Simone de Beauvoir davon spricht, dass sie Frauen nicht die Wahl lassen will zwischen Berufstätigkeit und Mutterdasein. So will es die Strategie der „gendergerechten Sprache“, die das Trennende hervorhebt und das Verbindende auslöscht, eine Strategie, die Menschen immer und überall in zwei Geschlechter aufteilt („Lehrerinnen und Lehrer“), während es keine gemeinsame übergeordnete Gruppenbezeichnung mehr gibt. So will es das Apartheidsprinzip der „kulturellen Aneignung“ und das Konzept der besonderen Räume für den weiblichen Teil der Bevölkerung mit Frauenbibliotheken, Frauenbuchläden, Frauenschwimmzeiten und Mädchenflohmärkten.



Sprache und Denken

Die Parteiparole Wer die Vergangenheit kontrolliert, kontrolliert die Zukunft, wer die Gegenwart kontrolliert, kontrolliert die Vergangenheit (Seite 55) trifft natürlich auf jede totalitäre Bewegung zu. Im Falle des Feminismus’ werden beispielsweise Suffragetten idealisiert oder es wird die Entstehung des Grundgesetzes auf eine Weise interpretiert, die man nur als Geschichtsklitterung bezeichnen kann, und im historischen Kontext so getan, als seien Männer von Natur aus kriegslüstern und Frauen friedfertig.

Bei Orwell wacht das Ministerium für Wahrheit darüber, dass jede von der offiziellen Linie abweichende Information der Staatsdoktrin angepasst wird. Unwillkürlich kommt einem dabei das „Abwehrzentrum gegen Desinformation“ in den Sinn, das selbst der Bundesvorsitzende des Deutsche Journalisten-Verbands mit den Worten kritisiert: „Es darf doch nicht eine Behörde darüber entscheiden, was wahr ist und was nicht.“

Ein weiterer Baustein im Orwell’schen Universum ist die Realitätskontrolle, in Neusprech: Doppeldenk, also die Fähigkeit, gleichzeitig zwei einander ausschließende Ansichten zu vertreten, zu wissen, dass sie widersprüchlich waren, und an beide zu glauben. (Seite 55-56) Das ist Genderideologie in Reinkultur: Geschlechter sind sozial konstruiert und existieren nicht, aber Frauen sind immer und überall benachteiligt und müssen privilegiert werden.

Zu diesem Komplex gehört die Gedankenpolizei, die Gedankendelikte verfolgt: Die geringste Kleinigkeit konnte einen verraten. Eine nervöse Gesichtszuckung, ein unbewusst-ängstlicher Blick, die Angewohnheit, vor sich hin zu murmeln – alles, was auch nur den Hauch von Abweichung oder Heimlichkeit trug. Allein schon ein ungehöriger Gesichtsausdruck (zum Beispiel bei einer Siegesmeldung eine ungläubige Miene zu machen) war ein strafbares Delikt. (Seite 88) Da kommt einem natürlich das „Gender Watch Protokoll“ der Hochschülerschaft Salzburg in den Sinn, in dem festgehalten wird, wenn jemand es wagt, über Genderthemen die Augen zu verdrehen.

Neusprech ist eine Sprache, die alles Sinnliche und Differenzierte ausschließt: Soweit es sich einrichten ließ, wurde alles, was irgendeine politische Bedeutung hatte oder haben konnte, (...) zur gewohnten Form verkürzt, das heißt in ein einziges, leicht aussprechbares Wort mit möglichst geringer Zahl von Silben. (...) Man hatte erkannt, dass durch solche Abkürzungen die Bedeutung einer Bezeichnung eingeengt und unmerklich verändert wurde, indem man die meisten der ihr sonst anhaftenden Assoziationen ausschloss. (Seite 379-380) Die Verschiedenartigkeit von Menschen, „deren Geschlechtsidentität dem Geschlecht entspricht, das ihnen bei der Geburt zugewiesen (sic!) wurde“, auf den Begriff „cis“ zu verkürzen, ist so eine Sprachmanipulation.

Bei Orwell werden Wörter ausgemerzt, um bestimmte Gedanken unmöglich zu machen: Du erfasst die Schönheit einfach nicht, die in der Vernichtung von Wörtern liegt. (...) Begreifst du denn nicht, dass Neusprech nur ein Ziel hat, nämlich den Gedankenspielraum einzuengen? (Seite 76) So weit, dass Wörter aus dem Wortschatz entfernt werden, sind wir zwar noch nicht (wobei man die Versuche, „Vater“ und „Mutter“ durch „Elter 1“ und „Elter 2“ zu ersetzen, durchaus so interpretieren kann). Aber die Taktik, bestimmte Begriffe zu diskreditieren, läuft natürlich auf dasselbe hinaus. Wenn die Emma vorschlägt, „einvernehmlichen Sex“ und „Unschuldsvermutung“ als Unwort des Jahres zu deklarieren, ist genau diese Orwell’sche Gedankenkontrolle das Ziel.

Und natürlich geht es bei all diesen Elementen darum, dass der Einzelne sich der Ideologie unterwirft: Sie sind hier, weil es Ihnen an Demut, an Selbstdisziplin mangelt. Sie wollen den Akt der Unterwerfung nicht vollziehen, der der Preis für geistige Gesundheit ist. (...) Sie halten die Realität für etwas Objektives, Äußeres, das seinen eigenen Bestand hat. (...) Aber ich sage Ihnen, Winston, dass Realität nichts Äußeres ist. Die Realität existiert im menschlichen Geist und sonst nirgends. Nicht im Geist des einzelnen, der irren kann und ohnehin bald untergeht: nur im Geist der Partei, die kollektiv und unsterblich ist. Was immer die Partei für Wahrheit erachtet, ist Wahrheit. (Seite 309-310) Jeder, der schon einmal mit der Antifa oder ähnlichen Social Justice Warriors zu tun hatte, kann davon ein Lied singen.


Die Unterdrückung unliebsamer Meinungen

In diesem Zusammenhang mindestens ebenso aufschlussreich ist ein Essay von George Orwell aus dem Jahre 1943, der als Nachwort an „Farm der Tiere“** angehängt ist und den Titel „Die Pressefreiheit“ trägt. Orwell beklagt darin die Tatsache, dass es damals aufgrund der Bündnissituation so gut wie ausgeschlossen war, die Sowjetunion zu kritisieren. Wenn man vom konkreten Gegenstand der Zensur absieht, lässt sich auch dieser Text in vielen Punkten eins zu eins auf die heutige Situation übertragen.

Wenn sich Verleger und Herausgeber bemühen, bestimmte Themen ungedruckt zu lassen, dann nicht aus Angst vor strafrechtlicher Verfolgung, sondern aus Angst vor der öffentlichen Meinung. Hierzulande ist intellektuelle Feigheit der schlimmste Feind, dem ein Schriftsteller oder Journalist die Stirn bieten muss. (...) Der dunkle Punkt der literarischen Zensur in England ist, dass sie weitgehend freiwillig geschieht. Unpopuläre Ideen lassen sich verschweigen und unbequeme Tatsachen verschleiern, ohne dass es hierzu eines amtlichen Verbots bedarf. (...) Es ist nicht eben verboten, dies oder jenes zu sagen, aber es ist „unschicklich“, es zu sagen, so wie es zu viktorianischer Zeit „unschicklich“ war, in Gegenwart einer Lady Hosen zu erwähnen. Jeder, der die herrschende Orthodoxie anzweifelt, sieht sich mit verblüffender Wirksamkeit zum Schweigen gebracht. Eine wirklich unzeitgemäße Meinung bekommt fast nie eine faire Anhörung, weder in der Volkspresse noch in den Intellektuellenmagazinen. (Seite 233-235) Klingt das nicht ganz wie die Weigerung der Herrschaftselite, sich mit den Argumenten der Männerbewegung auseinanderzusetzen?

Das Beunruhigende ist, dass man (...) keine intellektuelle Kritik, ja in vielen Fällen nicht einmal schlichte Ehrlichkeit von liberalen Autoren und Journalisten erwarten kann, die keinem direkten Druck ausgesetzt sind, ihre Meinungen zu verfälschen. (Seite 240)

Öffentlich und privat wurde man gewarnt, (...) was man sage, stimme möglicherweise, doch es sei „inopportun“ und „spiele in die Hände“ dieses oder jenes reaktionären Interesses. (Seite 241) Mit solcherart perverser Logik wurde bei den Grünen schon vor Jahrzehnten sexuelle Gewalt gegen Jungen vertuscht, um den Opferstatus Frau nicht zu gefährden.

Auch manche der Argumente gegen die Meinungsfreiheit kommen einem seltsam bekannt vor. So herrscht jetzt eine weitverbreitete Tendenz zu argumentieren, dass man Demokratie nur mit totalitären Methoden verteidigen kann. Wenn man die Demokratie liebt, so läuft die Argumentation, dann ist jedes Mittel recht, um ihre Feinde zu vernichten. (...) Anders gesagt, zur Verteidigung der Demokratie gehört die Zerstörung aller gedanklicher Unabhängigkeit. (Seite 244-245)

Mit derartigen Argumenten, so Orwell weiter, würden selbst die übelsten Auswüchse gegenüber Andersdenkenden gerechtfertigt werden, denn dadurch, dass sie ketzerische Meinungen vertraten, schadeten sie dem Regime eben „objektiv“, und deshalb war es ganz in Ordnung, sie nicht einfach nur zu massakrieren, sondern auch noch durch falsche Beschuldigungen zu diskreditieren. (Seite 244-245) Margarete Stokowski weiß sich daher in guter Gesellschaft, wenn sie darüber sinniert, Falschbeschuldigungen als politisches Mittel einzusetzen.


Fazit

Die Methoden der Radikalfeministinnen und ihrer Helferindustrie ähneln den Methoden der von Orwell beschriebenen totalitären Herrschaftsstrukturen mehr, als sie wahrhaben wollen. Eine Verharmlosung ist deshalb nicht angebracht. Denn, um es mit Orwell zu sagen: Falls Freiheit überhaupt irgend etwas bedeutet, dann bedeutet sie das Recht darauf, den Leuten das zu sagen, was sie nicht hören wollen. (Seite 251)



Quellen:
* George Orwell: 1984 (Wilhelm Heyne Verlag, München 2011, übersetzt von Michael Walter)
** George Orwell: Farm der Tiere (Diogenes Verlag, Zürich 2005, ebenfalls übersetzt von Michael Walter)

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Gunnar