Im Aquarium

Im Aquarium

Sonntag, 9. April 2017

Ideologische Trojaner

In der Provinz, in der ich aufgewachsen bin, habe ich am eigenen Leib erfahren, wie es ist, wenn man den engen Rahmen verlässt, der innerhalb einer Gesellschaft als angemessen gilt. Beispielsweise, weil man so etwas Exotisches wie Schriftsteller werden will. Oder als Mann lange Haare trägt. Oder überhaupt die männlichen Rollenklischees nicht erfüllt, weil man sich weder für Sport noch für Autos interessiert, keinen Führerschein macht, kein Bier mag und keinen Rasenmäher reparieren kann.

Aus diesem Grund habe ich ein Leben lang leidenschaftlich für das Recht auf Individualität gestritten, das Recht, anders sein zu dürfen, mit einem Wort: für Vielfalt. Heutzutage dabei zusehen zu müssen, wie die Totengräber der Demokratie diesen Begriff kapern, um ihn in übelster Orwell’scher Manier in sein Gegenteil zu verkehren, ist mehr, als ich ertragen kann.


Sie schwätzen von Vielfalt und schränken den akzeptierten Bewegungsspielraum von Männern schlimmer ein, als es die Traditionalisten je taten, denunzieren alles, was Männer anders machen als Frauen, reduzieren ihre Wahlmöglichkeiten gegen Null, werten ihre Leistungen ab: Philosophie und Wissenschaft, Kultur und Technik, überhaupt alles, was Männer erdacht und geschaffen haben, und begegnen jeder ihrer Äußerungen mit Misstrauen. Sie schwätzen von Vielfalt und versuchen, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern einzuebnen, indem sie diese für konstruiert erklären. Sie schwätzen von Vielfalt und erfinden zahllose neue Geschlechter, verlangen aber, dass sich all diese Geschlechter gleich verhalten sollen.

Ihr Paradies ist der kleinste gemeinsame Nenner. Weg mit unterschiedlichen Lebensentwürfen, abweichenden Meinungen, individuellen Entscheidungen! Weg mit den Errungenschaften der Aufklärung, weg mit Kant und Rousseau, weg mit Sachverstand, Kritikfähigkeit und Begründungen! Weg mit Wagemut und Reifeprozessen, weg mit der Bereitschaft zu lernen und an sich zu arbeiten, lasst uns alle in Watte packen und mit Triggerwarnungen und Hate-Speech-Kampagnen verhindern, dass Menschen ihren Horizont erweitern oder sich aus der Masse abheben! Vielfalt bedeutet jetzt Gleichmacherei.

Es ist kein Zufall, dass diejenigen, die dem Gott der Gleichheit huldigen, alles tun, um Individualität und Identität zu zerstören. Sie propagieren das Hin- und Herwechseln zwischen den Geschlechtern, als sei Geschlechtsidentität lediglich eine Frage der Mode. Sie ersticken jede lustvolle Begegnung zwischen Mann und Frau mit ihrer prüden Sexualmoral und restriktiven Gesetzen und sexualisieren zugleich Kinder, um die Austauschbarkeit der Geschlechter in deren Köpfen zu verankern. Sie reduzieren Menschen auf allzeit verfügbare Körper und nennen es allen Ernstes „Sexualpädagogik der Vielfalt“. Sie tun all das und zerstören darüber hinaus die natürliche Beziehung zwischen Eltern und Kindern, während sie gleichzeitig die Provisoriumsfamilie glorifizieren, weil sie den Unterschied zwischen Vielfalt und Beliebigkeit nicht begreifen.

Mehr noch: Indem sie der Suche nach den eigenen Wurzeln eine verdächtige politische Tendenz unterstellen, besetzen sie Identität mit Angst. Literatur und Kunst des eigenen Kulturkreises zu schätzen, Ovid, Goethe, Shakespeare kennenzulernen, Mathematik und Physik verstehen zu wollen, sich auf abendländisches Denken einzulassen und mit abendländischen Werten auseinanderzusetzen, wird als anrüchige Beschäftigung mit den verhassten weißen Männern verunglimpft. Das Schwenken von Deutschlandfahnen während eines Fußballspiels gilt als Beweis für eine finstere Gesinnung. In Kitas wird auf christliche Rituale verzichtet, und Begriffe wie „Weihnachten“ darf man nur noch schamhaft aussprechen, weil sie angeblich jemanden, der aus einem anderen Kulturraum kommt, verstören könnten. Aber wer die eigene Kultur verleugnet und alle Errungenschaften seiner Vorväter abschaffen will, hat keine Zukunft. Wer bereitwillig seine Wurzeln kappt, verkümmert. Warum sollte es mich verstören, wenn Muslime den Ramadan begehen? Warum sollte es Muslime stören, wenn wir Weihnachten feiern? Durch eine fremde Kultur fühlt sich nur der bedroht, der keine eigene hat.

Absurderweise setzen diese Leute gleichzeitig alles daran, jeden einzuschüchtern, der sich durch die Begegnung mit dem Fremden inspirieren lässt. Weiße, die Dreadlocks tragen, Karnevalsteilnehmer, die sich indianischen Federschmuck ins Haar stecken, Westeuropäer, die Yoga praktizieren, Musiker, die Crossovermusik machen, sie alle betreiben angeblich eine Form von Imperialismus. Traditionelle Gerichte, traditionelle Tänze, traditionelle Begriffe – nichts davon darf man übernehmen, will man sich nicht dem Vorwurf der „kulturellen Aneignung“ aussetzen. Als würde man Kulturen etwas stehlen, wenn man sich durch sie bereichern lässt. Eine solche Vorstellung entlarvt die Kaltherzigkeit dieser kulturellen Geizhälse. Menschen, die keine Liebe in sich tragen, können eben nicht begreifen, dass etwas mehr werden kann, wenn man es teilt. Ihr Ideal sind keine offenen Räume der Begegnung, sondern viele kleine Gefängnisse, durch deren vergitterte Fenster sich die voneinander getrennten Gruppen zuwinken können. Uniformzwang und kulturelle Apartheid, das ist die neue Vielfalt.

Und ist überhaupt eine üblere kulturelle Aneignung denkbar als die von Privilegierten, die das Anliegen von Benachteiligten und deren Kampfparolen instrumentalisieren, um sich selbst als Kämpfer für Gerechtigkeit zu stilisieren?

All diese einengenden Lebenskonzepte, die uns Stück für Stück die Luft zum Atmen nehmen, werden heutzutage mit dem Wort „Vielfalt“ geadelt, jeglicher Realität zum Trotz. Wer ist wohl eher für Vielfalt – derjenige, der dem anderen zubilligt, seinen Lebensweg selbst zu bestimmen, oder derjenige, der ihm vorschreiben will, wie er zu leben hat? Derjenige, der Menschen ermuntert, zu unverwechselbaren Persönlichkeiten heranzureifen, oder derjenige, der sie zu einer gesichtslosen Masse formen will? Zu eingeschüchterten Menschen, die ängstlich darauf bedacht sind, nicht aufzufallen, zu jenen Arbeitsdrohnen, die sich offenbar George Soros und die anderen milliardenschweren Unterstützer von Genderismus und Wehleidigkeit wünschen. Ihr Ideal ist der entwurzelte Mensch, denn nur er ist jederzeit ausbeutbar in einer Welt globaler Gleichgültigkeit.

Einen Menschen zu lieben bedeutet, ihn in seiner Einzigartigkeit anzunehmen. Wer ihm diese Einzigartigkeit abspricht, der raubt ihm damit seine Persönlichkeit, seine Würde und seine Seele. Wer Individualrechte zugunsten von Kollektiven abschaffen will, der will nicht, dass Menschen sich entfalten und ihre Möglichkeiten entdecken. Der leugnet damit zugleich auch individuelle Verantwortung für die eigenen Handlungen und die Chance, sich zu verändern und an seinen Fehlern zu wachsen. Wer Respekt fordert und mithilfe von politischer Korrektheit Meinungsdiktatur betreibt, wer Verschiedenartigkeit propagiert und auf Gleichschaltung zielt, wer von Freiheit schwatzt und Unterordnung meint, gibt lediglich geistige Armut als Reichtum aus. Im Würgegriff der Demagogen ist „Vielfalt“ zu einem Begriff geworden, mit dem genau das zerstört wird, wofür die Sprachverdreher angeblich eintreten.


Kommentare:

  1. Friedrich Springer2. Juni 2017 um 19:03

    "...weil sie den Unterschied zwischen Vielfalt und Beliebigkeit nicht begreifen."

    Sehr treffend formuliert. Die inhärente Widersprüchlichkeit dieses Denkens wird von mal zu mal stärker. Während in den Neunzigern noch "die Schwulen" die angesagte Minderheit war, müssen heute immer mehr Opfergruppen entwickelt werden, um den Ofen am Laufen zu halten. Konflikte vorprogrammiert, insbesondere innerhalb dieser Gruppen.

    Hervorragende Analyse.

    AntwortenLöschen

Vielen Dank für deinen Kommentar. Sobald ich ihn gelesen und geprüft habe, schalte ich ihn frei.

Viele Grüße

Gunnar