Im Aquarium

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Montag, 25. Juli 2016

Der hundertjährige Geschlechterkrieg

Ich möchte ja niemanden deprimieren, aber Tatsache ist, dass wir seit mindestens hundert Jahren gegen Männerverachtung und Frauenbevorzugung kämpfen, ohne einen Schritt voranzukommen.


Diejenigen, die mich kennen, wissen, dass ich unter anderem eine Krimiserie schreibe, mit der ich die Geschichte der Weimarer Republik erzähle. Hierfür betreibe ich seit über fünfzehn Jahren ausgedehnte Recherchen, bei denen ich gelegentlich auch auf Zeitungsartikel aus den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts stoße, die sich zu Geschlechterthemen äußern und zu Vergleichen mit der heutigen Situation herausfordern (Bilder zum Vergrößern bitte anklicken).


Bund für Männerrechte

In der Berliner Morgenpost vom 14.4.1926 (Seite 2) können wir einen Artikel über die erste Vollversammlung eines „Bunds für Männerrechte“ lesen, der die Bevorzugung der Frauen durch Behörden und Gerichte beklagt. Der Autor des Artikels, ein gewisser Karl Lahm, ein typischer Vertreter der Weißen Ritterschaft, findet allein schon den Gedanken absurd, dass Männer das Recht haben sollen, sich gegen Benachteiligungen zur Wehr zu setzen. Folglich erklärt er die Mitglieder des Bundes in jenem süffisanten Tonfall, der offenbar dazugehört, wenn man über Männerrechtler spricht, kurzerhand zu Reaktionären. Als wäre er ein Vorfahre von Andreas Kemper.

Darüber hinaus erfahren wir in besagtem Artikel nicht nur, dass Falschbeschuldigung schon damals ein Thema war, sondern auch, dass zu jener Zeit eine Blutprobe als Vaterschaftstest abgelehnt wurde, weil das Verfahren nicht genug erprobt sei. Sobald es jedoch einen sicheren Test gebe, werde ein Hauptargument der Männerrechtler fortfallen, argumentiert Herr Lahm. Es fehlte ihm wohl die Fantasie, sich eine Brigitte Zypries vorzustellen.



Internationaler Männerrechtskongress

Im Berliner Tageblatt vom 25.9.1929 (Morgenausgabe, Seite 9) mokiert sich eine Delia Arndt-Steinitz über den ersten internationalen Kongress des Weltbundes für Männerrechte (Ob es sich dabei um denselben Bund wie oben handelt, entzieht sich meiner Kenntnis). In typisch feministischer Weise macht sie die Anliegen der Männer lächerlich, indem sie darauf besteht, diese würden sich vom Gesetz lediglich benachteiligt „fühlen“ und es ginge ihnen bei der Reform des Ehe- und Familienrechts um die „Sicherung der männlichen Belange“. Die These des Bundes, die Frauenbewegung begünstige Frauen, die in einer Ehe nur eine Spekulation sähen, kann Frau Arndt-Steinitz nicht nachvollziehen. Und geradezu fassungslos macht es sie, dass auch Frauen die Vereinigung unterstützen.

So interessant wie die Gemeinsamkeiten mit heutigen Gegebenheiten sind allerdings auch die Unterschiede. Denn Frau Arndt-Steinitz befindet immerhin, dass die „Alimentation der geschiedenen Frau und der Kinder reformbedürftig“ sei und eine geschiedene Frau für ihren Unterhalt selbst sorgen und für das Kind zumindest mitsorgen solle statt sich auf einer lebenslangen Rente durch ihren Ex-Mann auszuruhen.



Weltfrauenkongress

Die Berliner Morgenpost vom 18.6.1929 (Seite 6) berichtet über den elften Kongress des „Weltbundes für Frauenstimmrecht und staatsbürgerliche Frauenarbeit“, an dem Frauen aus fünfundvierzig Nationen teilnahmen, die von der Politik umschmeichelt und im Rathaus empfangen wurden. Innenminister Severing bekannte sich dabei in einer Ansprache dazu, ein „Vorkämpfer der Frauenrechte“ zu sein, und verbreitete den Mythos von Frauen als dem friedfertigen Geschlecht, indem er allen Ernstes behauptete, Frauen hätten als Einzige den Mut gehabt, gegen den Krieg zu protestieren.

Na klar. Was zählen da schon die paar Männer, die in den pazifistischen Vereinigungen organisiert waren wie etwa in der Deutschen Friedensgesellschaft, dem Friedensbund der Kriegsteilnehmer, dem Friedensbund Deutscher Katholiken, der Vereinigung der Freunde von Religion und Völkerfrieden, dem Deutschen Versöhnungsbund, der Gruppe revolutionärer Pazifisten oder der Deutschen Liga für Menschenrechte, deren Mitglieder beim Kampf gegen die heimliche Wiederaufrüstung und die Schwarze Reichswehr immer wieder von der Justiz drangsaliert und verfolgt wurden und sich teilweise gezwungen sahen, ins Exil zu gehen?

Während die Pazifistin Anita Augspurg in Kurt Eisners Bayerischer Republik Mitglied des provisorischen Parlaments wurde oder ihre Schwester im Geiste, Bertha von Suttner, zahlreiche Ehrungen erhielt, mit ihren Vorträgen durch die USA reiste, von US-Präsident Roosevelt empfangen wurde und 1905 den Friedensnobelpreis bekam,
– wurde Ludwig Quidde wegen seines pazifistischen Engagements aus Berlin ausgewiesen und später wegen Landesverrats verhaftet;
– musste der Mediziner Georg Friedrich Nicolai wegen seiner Schriften gegen den Krieg immer wieder die Störung seiner Vorlesungen durch nationalistische Studenten erdulden und schließlich erleben, dass ihm die Venia Legendi aberkannt wurde, sodass er am Ende Deutschland verließ;
– wurde Karl Liebknecht 1907 für seine Schrift Militarismus und Antimilitarismus wegen Hochverrats zu eineinhalb Jahren Festungshaft und für seine Ansprache auf einer Friedensdemonstration 1916 zu vier Jahren und einem Monat Zuchthaus verurteilt, während ein Reichsanwalt den (vergeblichen) Versuch unternahm, ihn aus der Anwaltschaft auszuschließen und damit die Grundlage seiner beruflichen Existenz zu zerstören;
– wurde der Industrielle Arnold Rechberg, der für die deutsch-französische Verständigung eintrat, auf Veranlassung der Obersten Heeresleitung ins Irrenhaus gesteckt;
– wurde Ernst Friedrich, der mit seinem Buch Krieg dem Kriege und den darin enthaltenen Fotos von verstümmelten Soldaten die ganze Barbarei des Krieges sinnfällig gemacht hatte, für irre erklärt, ins Gefängnis geworfen und später von den Nazis ins KZ gebracht;
– kam Kapitänleutnant Hans Paasche wegen seiner pazifistischen Einstellung nach einem Hochverratsprozess ins Nervensanatorium und wurde 1920 von einem Reichswehrkommando „auf der Flucht erschossen“;
– wurden Männer, die wie etwa die Bibelforscher Otto Anders und Gustav Kujath den Kriegsdienst verweigerten, in Psychiatrien eingeliefert, weil jemand, der aus Gewissensgründen den Dienst mit der Waffe ablehnt, in den Augen der Verantwortlichen im Kaiserreich psychisch gestört sein musste.
Während all diese Männer also ihren Mut teuer bezahlten, ließen sich Frauen von ignoranten Weißen Rittern für ihre mit wenigen Risiken verbundenen Friedensaktivitäten beklatschen.



Belford Bax

1913 schrieb Belford Bax, Journalist, Philosoph des britischen Marxismus und überzeugter Antifeminist, ein Mann, der die männerfeindlichen Kreuzzüge seiner Zeit beobachtete und als Rechtsanwalt Erfahrungen darüber sammeln konnte, auf welch vielfältige Weise Recht und Gesetz zugunsten von Frauen und zum Nachteil von Männern arbeiten, das Buch The Fraud of Feminism („Der Betrug des Feminismus’). Darin können wir nachlesen, dass schon damals all jene Einstellungen die Gesellschaft beherrschten, die auch heute noch eine wirkliche Gleichberechtigung verhindern: das Ideal der „unschuldigen Frauen“ und der Weißen Ritter, die ihnen zu Hilfe eilen, Petitionen gegen die angemessene Bestrafung von Verbrecherinnen, die Legende vom frauenunterdrückenden Patriarchat und die Behauptung, jeder, der es wage, den Feminismus zu kritisieren, müsse ein Frauenfeind sein.

Nichts hat sich geändert. Auch heute noch huldigen die Weißen Ritter vom Schlage Andreas Kempers, Thomas Gesterkamps und Hinrich Rosenbrocks, die Martin Rosowskis, Heiko Maas’ und Ulrich Wickerts dieser Welt, ganz zu schweigen von den Alice Schwarzers, Manuela Schwesigs und Anne Wizoreks, dem Zeitgeist und dem Geschlechterbild von vor hundert Jahren. Eine Veränderung scheint nicht in Sicht.

Liebe Weiße Ritter da draußen, die ihr das Zeitalter der Minnesänger nicht verlassen möchtet – wäre es nicht langsam an der Zeit aufzuwachen? Im 21. Jahrhundert anzukommen? Und zu erkennen: Wer mir das Recht abspricht, für die Unteilbarkeit von Menschenrechten einzutreten, wer mit Häme, Unterstellungen und übler Nachrede zu verhindern sucht, dass ich kritisiere, was ich für kritikwürdig halte, der will alles Mögliche, aber gewiss keine Gleichberechtigung.



Quellen zur Friedensbewegung:
https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Liebknecht
Wolfgang Benz: Pazifismus in Deutschland
Christian Th. Müller und Dierk Walter: Ich dien’ nicht

Quellen zu Belford Bax:
https://en.wikipedia.org/wiki/Ernest_Belfort_Bax
https://de.wikipedia.org/wiki/Ernest_Belfort_Bax

1 Kommentar:

Vielen Dank für deinen Kommentar. Sobald ich ihn gelesen und geprüft habe, schalte ich ihn frei.

Viele Grüße

Gunnar