Im Aquarium

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Mittwoch, 22. Juni 2016

Das feministische Jahr 1995

Von Weltfrauenkonferenz bis Srebrenica.


Januar

Die Netiquette im Internet sei sexistisch, behauptet eine US-Linguistin, weil sie „auf männliche Kommunikationsformen zugeschnitten ist“.

Alice Schwarzer hat rund 5,5 Millionen Mark Steuergelder für ihren FrauenMediaTurm erhalten, um dort ein gemeinnütziges Dokumentationszentrum für Frauenforschung zu errichten. Das Gebäude ist jedoch für die Öffentlichkeit nur eingeschränkt zugänglich, weil Schwarzer ein komplettes Stockwerk als Redaktionsräume für die Emma zweckentfremdet und ihre Hetzzeitschrift auf diese Weise subventioniert. Kritik wird jedoch nur verhalten laut – niemand wagt es, sich mit ihr und ihren Seilschaften anzulegen.

Radhika Commaraswamy, Sonderberichterstatterin der UN, legt einen Bericht über „Gewalt an Frauen, deren Ursachen und Konsequenzen“ vor, in dem der Glaube verbreitet wird, Männer übten seit Jahrhunderten Gewalt gegen Frauen aus, um sie einzuschüchtern und ihnen Gleichberechtigung, wirtschaftliche Macht und Unabhängigkeit zu verwehren. Das Amt einer Sonderberichterstatterin für Frauen war nach einer erfolgreichen Kampagne von Frauenorganisationen auf der Menschenrechtskonferenz der UN 1993 eingerichtet worden. (taz 5.1.1995, Seite 8*)


Februar

Eine Serie von Prozessen wegen sexuellen Missbrauchs überzieht das Land: in Münster, Ansbach und Mainz. Letzterer, der sogenannte „Wormser Prozess“, begonnen im November 1994, ist ein Lehrbuchbeispiel dafür, wie eine berechtigte Sorge um das eigene Kind und Streitigkeiten über das Umgangsrecht durch Fantasien von Erwachsenen und Beeinflussung der Aussagen durch Jugendamt, ärztliche „Spezialisten“ und den Verein Wildwasser außer Kontrolle geraten können.


März

In New York findet die Vorkonferenz zur 4. Weltfrauenkonferenz im September statt. Mit Manipulationen, Lügen und dem Ausnutzen von Sprachbarrieren und von finanziellen Abhängigkeiten der ärmeren Länder dominieren feministische Lobbygruppen wie die WEDO die Konferenz und setzen mit geringen Abstrichen ihre Vorstellungen durch. Neben der Anerkennung von fünf Geschlechtern: männlich, weiblich, schwul, lesbisch, transsexuell, versuchen sie insbesondere mit dem Wort „gender“, dessen Bedeutung zu dieser Zeit außerhalb der radikalfeministischen Szene kaum jemandem klar ist, den Glauben zu verankern, Geschlechter seien sozial konstruiert. Der Fokus auf „Gender Mainstreaming“ (= die Genderperspektive in der Mitte der Gesellschaft verankern), bedeutet eine entscheidende Verlagerung von Gleichberechtigung zu Gleichstellung, also von gleichen Chancen zu statistischer Gleichheit, vom Recht auf individuelle Entscheidungen zum staatlich verordneten Lebensweg.

Die feministische Partei „Die Frauen“ wird gegründet. Forderungen: eine 80-prozentige Frauenquote der Landeslisten von Parteien, das Sorgerecht für Kinder solle grundsätzlich an Frauen gehen, Lehrer müssten zwangsweise zur feministischen Fortbildung verpflichtet werden etc. Wenn Frauen die Macht und Dominanz hätten, stünde eine Blütezeit in Aussicht, fabuliert Luise Pusch beim Gründungstreffen. (taz 12.6.1995, Seite 5*)

In Berlin organisiert sich der KampftruppLesbische Rächerinnen“, eine Art biedere Vorgängerversion der „Femen“. Die zumeist jungen Frauen besetzen Redaktionsräume, veranstalten „Kiss-Ins“ und kümmern sich dabei selbstredend auch um die mediale Vermarktung.


April

Das kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen veröffentlicht eine Untersuchung über „Opfererfahrungen in engen sozialen Beziehungen“. Ein Artikel darüber in der Zeit lässt zwar immerhin Katharina Rutschky zum Thema „Falschbeschuldigung Kindesmissbrauch“ zu Wort kommen, propagiert ansonsten aber die üblichen Stereotype („Gewalt in Familien ist vor allem trister Alltag: Männer verdreschen ihre Frauen, und keiner fällt ihnen in den Arm“) und zitiert Klaus Eggerding vom Männerbüro Hannover mit den Worten: „Männer fühlen sich einer Frau erst gewachsen, wenn sie ihr überlegen sind“. Da Frauen als Täterinnen bei solchen Untersuchungen standardmäßig ausgeblendet werden, sind einseitige Schlussfolgerungen nicht verwunderlich..

Eine Sozialpädagogin untersucht in einer Studie das Ergebnis der fünfzehnjährigen Frauenquote bei der taz, und obwohl diese 52 Prozent beträgt, fantasiert sie sich die geschlechtertypisch bevorzugten Aufgabengebiete der Männer als „Reiche“, die der Frauen dagegen als „Inseln“ („Männerreiche, Fraueninseln“). Tunnelblick nennt man das wohl. (taz 13.4.1995, Seite 13*)


Mai

„Mythos Männermacht“ von Warren Farrell erscheint auf Deutsch und wird sofort von jemandem, der das Buch nicht versteht (vermutlich nicht mal gelesen hat), verspottet.

Lesungen des Satirikers Wiglaf Droste werden von Frauengruppen behindert, die sich daran stören, dass Droste einen Text über Kindesmissbrauch aus der Sicht eines Mannes geschrieben hat, der befürchtet, einer Falschbeschuldigung zum Opfer zu fallen.

Die SPD-Politikerin Ulla Schmidt setzt erfolgreich eine Frauenquote im Plutonium-Untersuchungsausschuss durch, in dem es um einen vom BND veranlassten illegalen Plutonium-Transport geht. Erstaunlich, wobei zwei X-Chromosomen doch überall unentbehrlich sind!

Mit einem Freispruch endet der Montessori-Prozess in Münster, in dem ein Erzieher nach einer hysterischen Hexenjagd 1990 des Kindesmissbrauchs beschuldigt wurde. Eine üble Rolle spielten dabei vorverurteilende Medien ebenso wie der Jugendpsychiater Fürniss und insbesondere der Verein Zartbitter, dem der Verdacht wohl gerade recht kam, da ihm kurz zuvor die öffentlichen Mittel gestrichen worden waren.

Bündnis 90 / Die Grünen diskutieren über einen Parteiausschluss von Fred Karst wegen dessen pädophiler Straftaten. In der Parteiführung wird allerdings bereits abgewiegelt: „Was haben wir damit zu tun, was jemand in seiner Freizeit macht?“ (taz 18.5.1995, Seite 23*)

Berlins Frauensenatorin Christine Bergmann fordert einen Sondertarif für nächtliche Taxifahrten von Frauen, ungeachtet der Tatsache, dass Männer doppelt so häufig Opfer von Überfällen werden. (taz 4.5.1995, Seite 28*)

Der Vorschlag von Bundesjustizministerin Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) und der SPD zur Reform des Kindschaftsrechts, die gemeinsame elterliche Sorge als Regelfall einzuführen, wird vom männerfeindlichen „Verband alleinerziehender Mütter und Väter“ im Bündnis mit Frauenbeauftragten und Frauenverbänden nach Kräften sabotiert. (taz 16.5.1995, Seite 5 / 24.5.1995, Seite 22 / 30.11.1995, Seite 3*)

Währenddessen ist eine angebliche Benachteiligung geschiedener Mütter Schwerpunktthema beim 48. Anwaltstag in Berlin, bei dem der „Verband alleinerziehender Mütter und Väter“ erneut eine unrühmliche Rolle spielt. (taz 29.5.1995, Seite 4*)


Juni

In Srebrenica findet ein Massaker statt, bei dem die serbische Armee fast achttausend Männer ermordet. Frauen und Kinder wurden zwei Jahre zuvor vom Hohen Flüchtlingsrat der UN aus der belagerten Stadt evakuiert, die Männer mussten zurückbleiben, obwohl den Verantwortlichen bekannt war, dass sie mit großer Wahrscheinlichkeit umgebracht werden würden.

Der Spiegel schafft es, selbst bei einem Beitrag über Obdachlose das Geschlecht der in erster Linie betroffenen Männer auszublenden. Stattdessen wird von der „verdeckten Obdachlosigkeit“ schwadroniert, die hauptsächlich alleinerziehende Mütter betreffe.

Der Bundestag beschließt die Neuregelung des § 218. Schwangerschaftsabbrüche bleiben in den ersten zwölf Wochen straffrei, wenn die Frau eine vorschriftsmäßige Beratung nachweist. Die Neuregelung war nach der deutschen Wiedervereinigung wegen der unterschiedlichen Rechtslage in Ost und West notwendig geworden.

Auf dem 26. Evangelischen Kirchentag in Hamburg erklärt Theologieprofessorin Dorothee Sölle, für das Überleben der Schöpfung sei eine „ökofeministische Spiritualität“ unabdingbar. (taz 16.6.1995, Seite 4*)


Juli

CDU-Generalsekretär Peter Hintze möchte seine Partei von der Frauenquote überzeugen. Das Argument, im Falle einer geringen Anzahl an Kandidatinnen dann keine Wahlmöglichkeit mehr zu haben, kann ihn von seinem Ansinnen nicht abbringen. Der CDU-Parteitag im Oktober spricht sich allerdings knapp gegen die Einführung eines „Frauenquorums“ aus, obwohl Bundeskanzler Helmut Kohl sich persönlich dafür stark gemacht hat.

Frauenministerin Claudia Nolte stellt eine Studie des Kriminologischen Instituts Niedersachsen vor, die aufgrund von Dunkelfeldschätzungen behauptet, jede siebte Frau werde in ihrem Leben mindestens einmal Opfer sexueller Gewalt. (taz 18.7.1995, Seite 1*)


August

Männerverachtende Bücher sind der Verkaufsschlager des Jahres, von Ute Ehrhardts „Gute Mädchen kommen in den Himmel, böse überall hin“ (1994) bis zum kürzlich erschienenen „Suche impotenten Mann fürs Leben“ von Gaby Hauptmann. Das sagt einiges über die Frauen in diesem Land aus.

Eine Studie des Ministeriums für die Gleichstellung von Frau und Mann in NRW zeigt autoritäres Denken und Anfälligkeit für rechtes Gedankengut bei Mädchen auf. Natürlich wird sofort nach Entschuldigungen gesucht. (taz 3.8.1995, Seite 13*)

Nach einem Bericht der Menschenrechtsorganisation „African Rights“ waren im vergangenen Jahr zahlreiche Frauen auf brutalste Weise am Völkermord in Ruanda beteiligt, darunter Polizistinnen, Lehrerinnen, Nonnen. Manche von ihnen arbeiten jetzt in der Flüchtlingshilfe. (taz 28.8.1995, Seite 8*)


September

Die 4. Weltfrauenkonferenz findet in Peking statt. 178 Regierungen schicken Vertreter, bei denen sich auch Lobbyorganisationen wie der Deutsche Frauenrat befinden. Die deutsche Delegation leitet Claudia Nolte, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Das Forum der Nicht-Regierungsorganisationen, die die offiziellen Vertreter beraten, tagt im Pekinger Vorort Huairou. Hillary Clinton prägt in einer Rede den bezeichnenden Satz „Menschenrechte sind Frauenrechte, Frauenrechte sind Menschenrechte“. Die radikalfeministischen Lobbygruppen aus den Industrienationen setzen auf der Konferenz ihre Ansichten durch. Dies bedeutet eine Abkehr vom Gedanken der Gerechtigkeit; in Zukunft dominiert das Konzept der Gleichheit. Damit die Gender Agenda sämtliche Lebensbereiche durchdringen kann, wird eine wachsende Bürokratie im Bereich Analysen, Schulung und Überwachung vonnöten sein. Je mehr diese Agenda also umgesetzt wird, desto mehr Kontrolle bekommen die Genderfeministen über staatliche Institutionen. (taz 6.9.1995, Seite 9*)


Oktober

Eine Kunstausstellung im Centre Pompidou in Frankreich will den Beweis führen, dass in der Kunst schon seit langem die Geschlechtsidentitäten aufgelöst werden.

Der Europäische Gerichtshof hält eine Privilegierung per Frauenquote für unvereinbar mit dem Recht der Europäischen Union. Politikerinnen von SPD und Grünen protestieren: Dann muss eben der EU-Vertrag umgeschrieben werden. Heidemarie Wieczorek-Zeul von der SPD geht noch einen Schritt weiter: Damit künftig das richtige Ergebnis aus Brüssel kommt, soll auch die Auswahl der Richter am Europäischen Gerichtshof einer Quotenregelung folgen. (taz 18.10.1995, Seite 3 und 20.10.1995, Seite 4*)

Die taz demonstriert, wie frau sich gleichzeitig als Opfer fühlen und eine narzisstische Selbstidealisierung vornehmen kann: Der Friseurbesuch ist für Frauen teurer als für Männer, eine „schreiende Ungerechtigkeit“ – und zwar weil Frauen „anspruchsvoller“ sind und Männer „kein Schönheitsgefühl haben“. Aha. (taz 21.10.1995, Seite 32*)

Beim Weltkongress der Hausfrauen in Buenos Aires erklärt die Vorsitzende des Deutschen Hausfrauenbundes, der Beruf der Hausfrau sei zum Aussterben verurteilt, und plädiert für die Einführung des Wortes „Haushaltsführender“. (taz 30.10.1995, Seite 9*)


November

Frauengruppen fordern, dass das „Gesetz gegen Kinderprostitution im Ausland“ angewandt und gerichtlich gegen deutsche Sextouristen vorgegangen wird. Dass an dieser Stelle ausschließlich von Männern in Thailand oder auf den Philippinen die Rede ist und nicht von Frauen in Kenia oder auf Jamaika, versteht sich von selbst, oder? (taz 2.11.1995, Seite 5*)

Auf einer Tagung der den Grünen nahestehenden „Frauenanstiftung“ wird beklagt, dass Frauen im Internet kaum vertreten sind und „offensiv auf sich aufmerksam machen müssen“. Während Männer sich vermutlich einfach zurücklehnen und darauf warten, dass ihnen digital die gebratenen Tauben in den Mund fliegen. Die taz berichtet außerdem über das Computernetzwerk Femnet, das geschaffen wurde, „damit Frauen ohne störende Kommentare von Männern kommunizieren können“. (taz 23.11.1995, Seite 13*)


Dezember

Die lesbische Schauspielerin Hella von Sinnen („Dass die Hochzeit in ihrer heterosexuellen Form ein Joch für Frauen ist und für Männer unglaublich bequem, ist klar.“) geht mit ihrem Programm „Ich bremse auch für Männer“ auf Tournee. (taz 21.12.1995, Seite 13*)

Zu Weihnachten beschert uns der Spiegel seine heile Sicht der Welt: Stressgeplagte Politikerinnen nehmen sich trotz allem Zeit für ihre Kinder, während männliche Politiker viel zu viel Angst vor Machtverlust haben. Schön, dass das mal gesagt wurde.



Und sonst? Giftgasanschlag der Aum-Sekte in Tokios U-Bahn. Castor-Transport. Ende des Krieges in Bosnien. Greenpeace gegen Shell um die Versenkung der „Brent Spar“. Christo verhüllt den Reichstag. „Dagobert“-Prozess. Kruzifix-Urteil des Bundesverfassungsgerichts. Französische Atomwaffentests auf Mururoa. Israels Ministerpräsident Yitzhak Rabin wird ermordet.


* Das Online-Archiv der taz ist offenbar bis zum Herbst abgeschaltet, daher muss ich auf die Printausgabe verweisen

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Weitere Jahreschroniken: 2012. 2013. 2014. 2015. 2016

Entwicklungen und Zusammenhänge erkennt man am besten, wenn man den Blick aufs große Ganze richtet und sich nicht in Details verliert. Die Jahreschroniken dienen dazu, sich einen schnellen Überblick über die Ausbreitung des Feminismus’ und die daraus resultierenden Folgen vor allem in Politik, Justiz und medialer Gehirnwäsche innerhalb Deutschlands zu verschaffen. Hinzu kommen relevante Einflüsse aus dem Ausland, in der Regel aus den USA. Nebenkriegsschauplätze, alltägliches Männerbashing oder Grabenkämpfe innerhalb der Filterblase Männerbewegung spielen daher keine Rolle. Ergänzungen, insbesondere aus Österreich und der Schweiz, sind willkommen.

Kommentare:

Vielen Dank für deinen Kommentar. Sobald ich ihn gelesen und geprüft habe, schalte ich ihn frei.

Viele Grüße

Gunnar